Der letzte Augenzeuge

Martin Moses Meholm

Kriegsgefangener im Berg Internierungslager Norwegen

Eine Übersetzung aus dem Norwegischen.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Simen Tveitereid 

Der Originalartikel  ist am 02.Juli 2015 im Dagens Næringsliv erschienen.

Er ist hier einzusehen.

Fotos: Jan Johannessen.

Martin Meholm (99) im Jahre 2015.  Foto: Jan Johannessen - aus dem Originalartikel
Martin Meholm (99) im Jahre 2015. Foto: Jan Johannessen - aus dem Originalartikel

 MARTIN MOSES MEHOLM 

 

Alter: 99 Jahre (2015).

 

Familienstand: Witwer. Ein Kind, drei Enkelkinder, acht Urenkel, vier Ururenkel.

 

Karriere: Pikkolo (Kellnerlehrling), Portier, Kellner.

 

Er verbrachte zweieinhalb Jahre im Internierungslager Berg in Norwegen.


 

Für Martin Meholm ist es nicht so wichtig, dass der Sommer da ist. Aber er hat den Sommer früher wirklich genossen. Er liebte es zu schwimmen und wenn er tauchte, tauchte er immer tief. Einmal sah er unten einen Toten.

 

Jeden Dienstag kommt sein Sohn Freddy (77) und holt ihn ab. Sie fahren zum Bauernhof Bogstad (ein historisches Herrenhaus und ehemaliges Anwesen im Nordwesten von Oslo), essen ein Sandwich und fahren weiter nach Sørkedalen (einem Tal im Nordwesten von Oslo), um vielleicht dort in dem kleinen Landhandel ein Eis zu essen.

 

Wenn der Wind an schönen Sommertagen nicht zu stark weht, setzt er sich gerne für eine Weile auf seinem Balkon. Von dort aus kann er die erhabenen Kastanienbäume und die zwei bewaffneten Polizisten sehen, die die Synagoge auf St. Hanshaugen bewachen.

 

Nichts Besonderes. So war es schon immer in Bergstien in Oslo, wo er nun seit 22 Jahren lebt. Das allein ist schon so eine Art Rekord. 22 Jahre in einem Altersheim.

Der frischgebackene Vater Martin Meholm, dann noch Mankowitz, mit seinem Sohn Freddy auf seinem Arm. (privates Photo aus dem Originalartikel)
Der frischgebackene Vater Martin Meholm, dann noch Mankowitz, mit seinem Sohn Freddy auf seinem Arm. (privates Photo aus dem Originalartikel)

 

DIE ERINNERUNG

 

Es ist 43 Jahre her, dass Martin Meholm seinen Job als Kellner im Restaurant Ullevål (Stadtteil Oslo) aufgegeben hat. Am liebsten hätte er weitergearbeitet, aber es fiel ihm immer schwerer, sich an die Bestellungen zu erinnern.

 

Es ist 70 Jahre her, dass Martin Mankowitz aus dem Internierungslager Berg entlassen wurde. Er verbrachte zweieinhalb Jahre in dem vielleicht berüchtigsten Gefangenenlager Norwegens, das auch von Norwegern geleitet wurde. Alle anderen 360 Juden, die wie er in Berg waren, sind seitdem gestorben.

 

Jetzt ist nur noch Martin übrig. 99 Jahre alt. 

 

Es ist ein regnerischer Mittwoch im Juni 2015.

 

Meholm hat um 14 Uhr einen Linseneintopf zum Mitta gegessen und verfolgt die dänischen Wahlen im Fernsehen. 

      

"Ein echter Thriller", sagt er. "Wird er oder sie es werden?" 

 

Er trägt ein T-Shirt und bietet uns Schokolade und Apfelsaft an.

 

"Nimm dir etwas Süßes, das schärft die Gedanken", sagt er.

 

Er selbst nimmt sich nichts.

 

Er hat lockiges, glattes Haar und sieht ein bisschen aus wie ein alternder Robert De Niro. Er benutzt einen Rollator, aber seine Arme sind stark. Jeden Morgen trainiert er alleine in seinem Zimmer. Seit 28 Jahren ist er Witwer.

 

Er hat immer noch Albträume, in denen er verfolgt wird. Seine Gedanken sind klar, die Erinnerungen immer noch sehr lebendig.

 

Er erinnert sich, als er mit seinem Fahrrad auf Bygdøy (Insel im Zentrum von Oslo) stürzte und König Haakon, der auf seinem Pferd saß, plötzlich neben ihm stand, und ihn fragte, ob es ihm gut gehe.

 

Er erinnert sich aber auch an den Mann, der mit seinen Militärstiefeln auf seinen Rücken trat, so dass sein Gesicht immer weiter in den Schweinemist gedrückt wurde.

 

Martin Meholm. Foto: privates Photo (aus dem Originalartikel)
Martin Meholm. Foto: privates Photo (aus dem Originalartikel)

 

DAS NORWEGISCHE BÖSE

 

Am Montag, den 26. Oktober 1942, erhielt Martin einen Anruf in Angleterre (Hotel in Olso), wo er als Portier arbeitete. Die Polizei stand vor seiner Haustür in der der Niels Juels Strasse.

 

"Jetzt kommen sie zu dir in die Karl Johan (Straße in Oslo, wo sich Angleterre befindet), um dich zu verhaften", sagte seine Frau, die ihn aus  dem Milchgeschäft an der Ecke anrief.

 

"Mich verhaften? Was sollen sie mit mir, einem normalen Arbeiter anfangen?", dachte Martin.

 

Er hatte nicht einmal seine Flucht geplant.

      

Als ich verhaftet wurde, dachte ich: "Na ja, es wird wahrscheinlich ein paar Tage dauern, dann bin ich wieder zu Hause.


Ich hatte ja keine Ahnung, was damals bereits in Deutschland vor sich ging. 

 

DER HINTERGRUND

 

Alle jüdischen Männer über 15 Jahre sollten festgenommen werden. Über Bredtvet (Teil eines Osloer Bezirks) wurden sie in Kuhwagen zum Lager Berg abtransportiert.

 

Quisling (Nazi-Kollaborateur und Vorsitzender der faschistischen Partei Nasjonal Samling) war über die Feierlichkeiten am 17. Mai (Norwegens Nationalfeiertag) im Jahr 1942 verärgert gewesen, bei denen Menschen rot weiß blaue Hühnerringe getragen hatten, die die norwegischen Nationalfarben widerspiegelten. Eine Woche später während einer Nasjonal Samling Versammlung in Vestfold (Region südlich von Oslo)  äußerte er sich dazu:

 

"Wir werden für sie Hühnerfarmen errichten. Hier in der Nähe von Tønsberg werden wir eine große Hühnerfarm bauen."

  

Die Deutschen wollten dieses Lager nicht, die Nasjonal Samling Partei bekam jedoch ihren Willen. Ein Lager für die Gegner des Nationalsozialismus, das offiziell eigentlich nur für die sogenannten "Arbeitscheuen und negativen Elemente" errichtet worden war.

 

Aber es waren die Juden, die hierher als erstes kamen. 

 

Als Martin und die ersten 60 Gefangenen Berg erreichten, war das Lager noch nicht fertig. Die Fenster in den Baracken waren ohne Glas, es gab keine sanitären Einrichtungen, keine Betten, keine Küchen, keine Öfen, nur drei leere Baracken. Es war Spätherbst und es regnete durch das Dach. Sie schliefen auf dem Boden und durften nachts nicht das Haus verlassen. Sie hatten nur einen Eimer und draußen flossen die Exkremente in alle Richtungen.

 

Als der Bezirksarzt der Region Vestfold endlich das Lager besuchte, sagte er nur, dass "alleine im Lager zu sein, reine Folter sein muss".

  

Der Arbeitstag war 12 Stunden lang. Die Gefangenen bauten das Lager auf und gruben Gräben. Sie zäunten sich mit hohem Stacheldraht regelrecht selbst ein.

  

„Ich fragte sie, ob ich etwas zum Schutz meiner Händen bekommen könnte.“

  

"Du musst bluten, damit sie verkrusten", war die Antwort.

 

Vater und Sohn. Martin und sein Sohn Freddy zur 100 Jahrfeier der berühmten Skisprungschanze Holmenkollen in 1992. Foto (privat) Aus dem Originalartikel.
Vater und Sohn. Martin und sein Sohn Freddy zur 100 Jahrfeier der berühmten Skisprungschanze Holmenkollen in 1992. Foto (privat) Aus dem Originalartikel.

 

HUNGER

 

Vor drei Jahren brach sich Martin an zwei Stellen den Oberschenkelhalsknochen. Aber er wurde wieder fit, trainierte. Mit einem Schuhanzieher zieht er sich nun ohne Hilfe seine Hose aus. Eine Wäscheklammer, die mit einem langen Schaft verbunden ist, ist das Werkzeug, mit dem er die Hose dann auch wieder anzieht. Seine Beine tun ihm weh, besonders nachts, wenn er sich hinlegt.

 

"Ich schlafe eine Stunde, dann wache ich auf. Ich muss aufstehen und gehen. Hin und her. Ich schalte den Fernseher ein und schlafe dann etwas auf dem Stuhl ein. " 

 

"Klingt anstrengend."

      

"Seltsamerweise werde ich nicht müde. Schlafe meist tagsüber ein wenig. In meinem Alter braucht man nicht so viel Schlaf. Und ich möchte auch keine Zeit verschlafen. Ich möchte leben, während ich am Leben bin. Ich esse kein tierisches Fett. Keine Butter, keine Milch, keine Kartoffeln, kein Brot. "

 

 "Was isst du denn?"

  

"Hering. Jeden Morgen. Auf grobem Fladenbrot. Sieben Obstsorten. Tomaten. Lebertran. Jeden Tag. Man muss Lebertran zu sich nehmen. Hin und wieder gönne ich mir etwas Käse."

 

Der Hunger war schlimm. Als Strafe nichts essen zu dürfen."

 

Er kam unterernährt mit aufgeblähtem Magen aus Berg.

 

Das Essen bestand zunächst aus Brot und dünner Suppe. "Eine Suppe aus Gras und Blumen, manchmal ein paar alte Fische. Ein Laib Brot hat vier Tage gedauert. Oh, wie wir uns das Essen vorgestellt haben."

      

Berg war das einzige Gefangenenlager mit norwegischen Kommandanten. Dies bedeutete jedoch nicht, dass die Bedingungen humaner waren. Vielleicht sogar im Gegenteil. Einige Wachen hatten aufgehört hier zu arbeiten, um damit gegen die Behandlung der Gefangenen zu protestieren. Die meisten jedoch befolgten ihre Anordnungen und manchmal noch ein wenig mehr.

 

Viele dieser Wachen waren erst 19 oder 20 Jahre alt und waren nicht mal mehr als drei Monate in der Polizei ausgebildet worden. Missbrauch, Strafübungen und sadistisches Trakassieren waren an der Tagesordnung.

 

Die Gefangenen mussten zum Beispiel auf einen Baum klettern und wie ein Hahn schreien. Sie liefen Hand in Hand nackt in einer Gruppe von zwei Personen durch die Kaserne.

  

"Sie genossen die Qual und uns zu quälen. Ich musste zum Beispiel so lange eine Eisenstange halten, bis ich zusammenbrach.“ 


Stell dich auf einen Baumstamm und rufe " Ich bin Jude, ich bin schuld am Krieg. " haben sie gesagt.

 

"Wir mussten im Schweinestall entlangrobben." Während dieses "Robbens" durften nur Ellbogen und Zehen den Boden berühren. "Wenn jemand versuchen wollte zu fliehen, würden sie zehn von uns erschießen." Und um allen zu zeigen, dass sie es ernst meinten, feuerten die Wachen Schüsse über die Köpfe der Juden hinweg.

  

"Das Schlimmste für mich waren aber die 14 Tage in der Strafzelle im Keller zwischen den Ratten. Alles nur für den Diebstahl eines Kohlrabi."

FAKTEN

 

1. Liest: Aftenposten, VG täglich.

 

2. Schaut: Politik und Sport. Die TV-Dokumentation "Der ingen skulle tru at nokon kunne bu" und vielleicht einen Chaplin-Film.

 

3. Hört: klassische Musik. Klavierstücke von Andsnes und «Allsang på Grensen».

 

4. Lieblingsbuch "The District Doctor" von meinem Sohn Freddy Meholm.

 

5. Lieblings-Gadget: Prekestolen, das ist der Name meines Rollators.

 

6. Fährt: Das letzte Auto, das ich hatte, war ein Passat. Es wurde im Hinterhof meines Hauses geparkt. Davor hatte ich zwei Wohnwagen. Jetzt ist es jeden Dienstag Freddys Volkswagen.

 

7. Als 12-Jähriger wollte er Schneider werden.

 

8. Angst vor:  der Art und Weise, wie er sterben wird. Und vorm Fliegen hat er Angst.

 

9. Glaubt: an Gott.

 

10. Gut darin: Geburtstagslieder zu singen und Reden zu halten.

 

11. Nicht so gut in: Fremdsprachen.

 

12.Mag nicht: Unfreundlichkeit und Neid.

 

 

DER BALL

 

Ein schöner Junitag in Oslo, ein warmer Nachmittag. Das erste, was er zu mir sagt, ist, dass er als Junge immer draußen war.

 

"Wir waren acht bis zehn Jungen auf dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin, in der Christian Krohgs Strasse. Wir waren immer draußen. Ich rief meiner Mutter im vierten Stock oft zu, dass sie etwas Essen runterwerfen solle. Wir verbrachten viel Zeit in Jordal (Stadtteil Oslo). Wir haben mit so einem professionellen Ball gespielt, der 7,5 Kilo wog. Wir haben ihn für alle Arten von Training verwendet. "

 

Ein Windstoß weht die Vorhänge vor der offenen Balkontür auf.

 

"Heute sitzen die Kinder zu viel drinnen. Sie spielen nicht mehr miteinander, glaube ich. Es ist meistens der PC."

 

Er genoss die Arbeit mit seinen Händen, damals in seiner Hütte in Drøbak (südwestlich von Oslo). Aber er war nie wieder dort, nachdem seine Frau gestorben war. Er ging gern spazieren, am liebsten in den Straßen von Oslo. Jetzt sieht er viel fern. Sport und Nachrichten, und liest Zeitungen mit seiner Lupe.

 

"Der Wechselkurs zur schwedischen Krone beträgt 94. Es macht nicht mehr viel Sinn, nach Schweden zu  fahren, um einzukaufen", sagt er.

 

An seinen Wänden hat er drei echte Weidemanns. Weidemann war sein Freund, und er hat ihm einmal Geld für neue Schuhe gegeben, als er barfuß zu ihm kam.

 

Sein Schlafzimmer ist mit Familienfotos dekoriert. Am Sonntag wird eines seiner Ururenkelkinder vier Jahre alt und sein Geburtstag wird gefeiert.

 

Martin ist Vertrauensperson in dem Altersheim, in dem er lebt, und hält an Geburtstagen und Feiertagen Reden. Er ist auch derjenige, der jeden Freitag die Gebete in der Synagoge liest.

 

"Ich kann Hebräisch lesen, aber ich verstehe nicht immer, was es bedeutet."

 

Er glaubt an Gott und dass die Seele weiterlebt, aber er ist nicht sehr religiös, sagt er.

 

"All diese Regeln. Ich kann am Sabbat nicht einmal fernsehen, nein danke."

 

"Es ist die Religion, die viele Dinge zerstört."

 

"Was denkst du über den Konflikt im Nahen Osten?"

 

"Israels Politik ist nicht richtig. Immer mehr des palästinensisches Land einzunehmen. Die Palästinenser müssen auch ein eigenes Gebiet haben, ihren eigenen Staat."

 

Er war noch nie in Israel. Er würde gerne, aber er hat Angst zu fliegen.

 

Im Juni 2015 wurden in elf norwegischen Städten sogenannte Stolpersteine gelegt, um an die im Holocaust getöteten norwegischen Juden zu erinnern. Es gibt bald 50.000 Steine in 18 europäischen Ländern.

 

Im Februar 2015 wurde eine Synagoge in Dänemark angegriffen und ein jüdischer Mann getötet. Im Jahr 2006 wurden in der Synagoge in Bergstien / Oslo 13 Schüsse abgefeuert. Arfan Bhatti wurde verurteilt.

 

"Ich war auf, schlich mich auf die Veranda und duckte mich. Er feuerte mit einem ziemlich grobkörnigen Kaliber."

 

Jetzt ist die Straße wieder mit Betonsäulen und einem Polizeiauto blockiert. Umfragen in 2015 haben sogar gezeigt, dass es in Norwegen einige Menschen mit antisemitischen Ansichten gibt.

 

"Die Pogrome werden wahrscheinlich nie enden", sagt Meholm.

      

Es ist 100 Jahre her, dass sein Vater nach Norwegen kam. Max Mankowitz wuchs in der kleinen Stadt Shebes in Weißrussland auf, floh 1911 nach Schweden und kam 1915 nach Oslo. Er war wie sein Vater Schneider. Die Hoffnung war, dass Martin auch Schneider werden würde.

 

"Ich habe den Test nicht bestanden. Gott sei Dank. Dort zu sitzen und zu nähen und zu weben, das bin nicht ich."

 

DAS AUSSORTIEREN

 

Martins Vater Max landete ebenfalls im Lager Berg. So dass Vater und Sohn mitten in der Nacht des 26. November 1942 in zwei verschiedenen Reihen nebeneinander standen.

 

Martin Meholm hatte eine norwegische Frau, die später mit seinem Sohn Freddy nach Schweden floh.

 

Sein Vater Max war mit einer jüdischen Frau verheiratet.

 

Als er, Max Mankowitz und 531 andere Juden dann von Oslo aus an Bord des Schiffes "Donau" gebracht wurde, erhielt er zwei Brote und zehn Fischkonserven.

 

Max Mankowitz, Martins Vater, wurde nach Auschwitz deportiert und dort getötet.

 

Von den Kleidern der Deportierten bekam Meholm eine neue Unterhose, die er gegen ein Brot eintauschte, um sich wieder satt zu fühlen.

 

Schließlich gelang es, Kartoffeln aus einem Keller zu stehlen. Zum Glück gab es Öfen in den Zimmern, so dass die Häftlinge nachts Kartoffeln in die Asche legten, während einer von ihnen Ausschau hielt, dass sie auch niemand entdeckte.

 

Die Bedingungen verbesserten sich im letzten Jahr.

 

Andere Gefangene beschrieben die Situation anders, sie priesen den Humor, die Kameradschaft und die Einheit im Lager. Sie sprechen von dem positiven Gemütszustand, den ihnen niemand nehmen konnte, und dass sie nie ihre Selbstachtung verloren hatten.

 

Aber Meholm spricht nicht über schöne Erinnerungen oder lustige Anekdoten.

 

"Wir hatten einfach nicht die Kraft. Wir haben ein Kartenspiel eingeschmuggelt und abends Bridge gespielt. Aber wir waren schwach und schlapp."

 

Seine Stimme ändert sich, wenn er über das Lager spricht. Die Sätze werden beinahe ausgespuckt, seine Augen widerspiegeln seine Wut.

 

"Wir haben nur darüber nachgedacht, wie wir lebend da rauskommen können."

 

Es geschah am 2. Mai 1945.

 

Der kommandierende Offizier schrie, dass alle erschossen werden würden, aber ein anderer Kommandant sorgte glücklicherweise dafür, dass die stattdessen der Befehl ausgeführt wurde, die Gefangenen in Bussen abzutransportieren. Meholm dachte jedoch bis zur letzten Minute der Reise immer noch, dass sie erschossen werden würden.

 

Wir sind zu den Victoria Terrassen gekommen, dort wo die Gestapo war, aber wir sind vorbei gefahren. Dann ist es wahrscheinlich in der Festung, wo es passieren wird, dachte ich.“ 


Aber wir sind auch daran vorbei gefahren. Raus in Richtung Bahnhof Lillestrøm. „


„Wir haben nichts verstanden. "

 

Sie wurden alle in einen Zug gesetzt und plötzlich kamen die Leute vom Roten Kreuz in den Zug  und brachten Muffins und Schokolade. Dieser Zug sollte sie alle nach Stockholm bringen. 


Dort warteten seine Frau und sein siebenjähriger Sohn auf ihn.

 

"Es gibt keine Worte, die diesen Moment beschreiben könnten".


***

 

"Ich habe Vival vom Arzt bekommen. Er sagte: 'Nehmen Sie sich 14 Tage frei. Dann denke ich, ist es das Beste, wenn Sie wieder anfangen zu arbeiten."

 

 

Sein erster Job war damals als Piccolo (Kellnerlehrling) im Parkcafeen (Café in Oslo) gewesen. Er war 14 Jahre alt und hatte zuvor kleine Aushilfsjobs gehabt, Geld gespart und ein Segelboot gekauft.

 

Eines Tages wehte ein angenehmer Wind über den Fjord, aber leider war dieser so schwach, dass er am nächsten Morgen nicht pünktlich zu seiner Arbeit kam, da das Boot zu langsam war. Dort wurde ihm gesagt, er müsse sich zwischen dem Segelboot und seinem Job entscheiden. Er entschied sich für den Job, bestand das Zertifikat als Kellner, und war nach dem Krieg in der Lage einen Job im Restaurant Scandinavie zu bekommen.

 

"Man musste damals eine Lizenz haben, um Kellner zu sein. Einen beschwipsten Mann zum Beispiel durfte man nicht mehr bedienen. Heute denke ich, dass man so lange serviert, bis dem Gast alles aus den Händen fällt."

 

Er kaufte sogar eine Waffe von einem Kunden, eine Browning.

 

"Das nächste Mal wollte ich vorbereitet sein", sagte er. Sie war zu Hause im Keller versteckt.

 

Er hat nie über das Lager Berg gesprochen, wollte seine Familie verschonen. Aber er konnte seine Angst nicht vor ihnen verbergen. Sein Sohn erinnert sich, dass er in dieser Zeit sehr impulsiv, angespannt und hypochondrisch war. Nachts konnte er ihn oft laut heulen hören.

 

Für ein paar Jahre ging er in die psychiatrische Klinik Vinderen, um sich dort behandeln zu lassen.

 

1953 änderte er seinen Namen von Mankowitz in Meholm.

 

Der Chef des Restaurants Scandinavie, in dem er arbeitete, war Deutscher und hatte einen norwegischen Namen angenommen. Er schlug Martin vor, auch seinen zu ändern.

 

"Es war so unangenehm für Kunden," Mankowitz "zu rufen, sagte er." Na ja. Ich hatte ein Buch mit Nachnamen zur Auswahl. Nahm einen auf M. "

 

 

MOSES

 

Am 8. Mai 2015 war Martin zum dritten Mal seit dem Krieg wieder im Lager Berg.

 

Da war er Ehrengast. Als letzter Zeuge.

 

Samuel Steinmann, der nach Auschwitz geschickt wurde und dort überlebte, war wohl der berühmteste zeitgenössische Zeuge. Er ist jedoch bereits am 1. Mai 2015 verstorben.

 

Kürzlich war Meholm auf dem 80. Geburtstag seiner Schwägerin, wo er aufstand und ihr ein Geburtstagslied sang. "Natürlich wird sie 120 Jahre leben ...", sang er. Ein jüdischer Gruß zur Erinnerung an Moses.

 

Es war zuerst völlig ruhig, bevor alle so heftig anfingen zu klatschten, dass Meholm ganz ergriffen war.

 

"Ich danke Gott jedes Mal, wenn ich zu einem neuen Tag aufwache. Man sollte sich nicht einbilden, dass man noch lange hat."

 

"Hast du Angst?"

 

"Ja. Ich habe Angst davor, wie ich sterben und ob ich Qualen erleiden werde."

 


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