Treffen sich eine Deutsche und eine Amerikanerin...

 

"Hast du eigentlich auch eine dieser Trachten? Wie heissen die noch?", fragte Kate (Amerikanerin) mich als wir uns das erste Mal begegneten. Kate ist meine Arbeitskolleginnen und lebt seit langem hier in Norwegen. Sie soll später eine meiner besten Freundinnen werden.

 

"Dirndl meinst du?", antworte ich. "Nein, so was habe ich nicht, hatte ich auch nie. Das tragen eigentlich nur die Menschen im Süden Deutschlands."

 

"Okay. Ich dachte immer, das wäre so typisch für Deutschland".

 

"Ich liebe Deutschland, weisst du. Bin schon öfter mit meinen Kindern durchgefahren. Die Züge sind wunderbar. Die Autobahnen! Ich war damals in München. Oh Mann, die Biergärten, das Bier! Und alles ist so billig und sauber. Das Essen. Herrlich. Sauerkraut und diese Nudeln mit Käse..."

 

"Spätzle. Ja die schmecken. Hab ich aber glaube ich noch nie gekocht, weiss ich jetzt auch gar nicht wie das geht, um ehrlich zu sein."

 

"Oh. Im Ernst?"

 

"Ja. Ist jetzt nicht so typisch für die Region aus der ich komme. "

 

"Wieso, woher kommst du denn?"

 

"Also, ich komme ja aus dem Norden, und Spätzle sind eher typisch für das Süddeutschland. Um genauer zu sein komme ich aus dem Nordosten. Also, dem Osten. Ich bin in der ehemaligen DDR geboren."

 

"Wow. Das wusste ich gar nicht. Daran habe ich auch gar nicht gedacht, weisst du. Ist ja auch schon ewig her die Wiedervereinigung. Das ist schon speziell, dass du in der DDR geboren bist. Darüber musst du mir mal mehr erzählen." 

Mein Papa und ich 1984
Mein Papa und ich 1984

 

Ja, also speziell ist das schon irgendwie. Klar. Aber damit hausieren geht man jetzt auch nicht. Also ich jedenfalls nicht. In der DDR geboren zu sein, ist auch nicht unbedingt das Erste, was ich bis antworte, wenn mich jemand fragte, wo ich denn herkomme.

 

Zu jemandem, der nicht aus Deutschland stammt, sagt ich doch meist eher, so etwas wie  "Also, ich komme aus der Nähe von Rostock. Rostock? Ja also das liegt an der Ostsee, Baltic Sea? Also, südlich von Schweden. Weisst du wo Berlin ist? Hamburg? Also östlich von Hamburg und nördlich von Berlin."

 

Wenn dann die geschichtlichen Kenntnisse deines Gegenüber ausreichen, kommt manchmal die Gegenfrage "Is das nicht die ehemalige DDR?" Und dann stimme ich immer ein wenig schmunzelnd zu, denn irgendwie ist jetzt ein für mich entspannterer Weg geebnet, da ich mit jemandem rede, der sich an diese Teilung erinnert. 

 

Meistens jedoch wird meine Beschreibung, dass ich irgendwo aus dem Nordosten Deutschlands komme, einfach akzeptiert als eine Bestätigung, dass ich eben aus Deutschland komme. Was ja auch stimmt, in gewisser Weise.

 

 

Ich frage mich jedoch manchmal, wie vielen es noch so geht wie mir. Also, warum man eigentlich auf die Frage "Woher kommst du?" nicht ganz einfach "Ich komme aus der DDR." sondern "Ich komme aus Deutschland" antwortet, denn eigentlich komme ich ja nicht aus der BRD, auch wenn ich einen deutschen Pass habe.

 

Scheue ich mich vielleicht vor der runzelnden Stirn des Gegenübers und will den unnötigen Erklärungen und Fragen entgehen?

 

Ist mir diese Herkunft noch immer etwas unangenehm?

 

Sind es die negativen Kommentare, das Stigma des DDR Bürgers, die zuckenden Augenbrauen und die damit verbundenen Erinnerungen die wir Ostdeutschen alle gemacht haben?

 

Sollten wir aber nicht gleichzeitig auch nach 30 Jahren Einheit besser sagen, dass wir aus Deutschland kommen?

 

Auf all diese Fragen gibt es wohl selten ein eindeutiges Ja oder Nein, denn für mich hat sich in den Erfahrungen die ich gemacht habe immer gezeigt, dass es mir hilft, mich auf mein Gegenüber einzustellen. Nicht jeder ist in der deutschen Geschichte bewandert. Ich zum Beispiel weiss wenig um die Spaltung Irlands in Nordirland und Irland. Damit schliesse ich auch nicht aus, dass ich vor ein paar Jahren jemanden aus Belfast fälschlicherweise als Iren bezeichnet hätte, der mich dann sicher (und das zu Recht) darauf hingewiesen hätte, dass er Nordire sei und aus Nordirland komme, nicht aus Irland.

 

Was ich damit sagen will ist, dass Menschen, die nicht in Deutschland aufgewachsen sind und über die DDR und BRD Geschichte nur in Büchern gelesen haben, meine Geschichte in der DDR geboren zu sein und meine Erfahrungen und Erzählungen oft ungewöhnlich und spannend ansehen. Dann werde, und dies ist mir in den letzten Jahren häufig passiert, plötzlich der Mittelpunkt der Diskussion und beginne auch ein wenig Stolz auf meine Identität und Herkunft zu entwickeln, denn die DDR war nun mal ein anderes Land als die BRD. Wie auch Nordirland ein anders Land ist als Irland.

 

Andererseits, kann es aber durchaus sein, dass das Wissen deines Gesprächspartners einfach, und glücklicherweise gar nicht mehr manifestiert ist in dieser Ost - und Westproblematik. Du bist für diesen Menschen einfach eine Deutsche, ob nun eine Ost- West- Nord oder Süddeutsche. Was natürlich für mich auch irgendwie schön ist, da eben dann dieser in meiner eigenen Identität geprägte Ost- West Gedanke und die damit verbundenen ambivalenten Gefühle in meinem Gegenüber gar nicht mehr existieren. 

 

Egal wie ich antworte, "gewinne" ich also, da ich sowohl deutsch als auch ostdeutsch sein kann, je nachdem wie ich mich gerade fühle und wie ich meinem Gegenüber entgegentrete. 

 

Und das ist dann doch irgendwie speziell.

 

Aber auch schön.

 

Irgendwie.

 

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