Dagbladet - Hildburg "Burgi" Esch & Trude Teige



Vorwort

 

Wie das Leben so spielt.

 

Bereits 2015, viele Jahre bevor ich mit dieser Webseite begann, erschien hier in Norwegen ein Artikel im Dagbladet in dem sowohl meine liebe Schwiegermama Hildburg "Burgi" Esch als auch Trude Teige vorkamen.


Zwei bemerkenswerte Frauen, die ich beide sehr bewundere.

 

Ich habe mir erlaubt, diesen norwegischen Artikel ins Deutsche zu übersetzen da er ansonsten den Demminern und interessierten deutschsprachigen Lesern verborgen geblieben wäre.




"Als sowjetische Truppen 1945 die Stadt Demmin besetzten, nahmen sich rund 1.000 Menschen das Leben. Niemand sprach mehr darüber."

 

Seit 70 Jahren lebt die Stadt mit diesem Trauma.

 

VORHER: Demmin, etwa 300 km nördlich von Berlin, wird vom Fluss Peene umflossen. Am Morgen des 30. April 1945 verließen die letzten deutschen Soldaten die Stadt, nachdem sie alle Brücken gesprengt hatten. Die Bewohner waren in ihrer Stadt eingesperrt.
VORHER: Demmin, etwa 300 km nördlich von Berlin, wird vom Fluss Peene umflossen. Am Morgen des 30. April 1945 verließen die letzten deutschen Soldaten die Stadt, nachdem sie alle Brücken gesprengt hatten. Die Bewohner waren in ihrer Stadt eingesperrt.

Sie erinnert sich an den Rauch, der über der Stadt hing. Und an den intensiven Geruch. Sie erinnert sich, wie sie am Fenster stand und zusah, wie eine Frau ihren Kindern und sich selbst Steine um den Bauch band, bevor sie zum Fluss hinuntergingen.

 

Hildburg Esch (76) serviert Kaffee in dünnem Porzellan und spricht in kurzen Sätzen. Sie war sechs Jahre alt, als die Rote Armee am 30. April 1945 Demmin einnahm.

 

"Ich erinnere mich an verängstigte Frauen, die herumliefen. Und an ihre Schreie. Als wir wieder zur Schule gingen konnten, hörte ich von den Erwachsenen, dass eine Freundin von mir für ein paar Tage ihre Tante besucht hatte und als sie nach Hause kam, waren ihre Mutter und ihre Geschwister in den Fluss gegangen. 

 

Darüber hat sie nie ein Wort verloren."

 

HEUTE: Nach dem Krieg ist die Einwohnerzahl Demmins von rund 15.000 auf 11.000 gesunken. Die Geschehnisse im Mai 1945 prägen die alte Hansestadt noch immer.
HEUTE: Nach dem Krieg ist die Einwohnerzahl Demmins von rund 15.000 auf 11.000 gesunken. Die Geschehnisse im Mai 1945 prägen die alte Hansestadt noch immer.

Die Jugend zieht weg

 

Etwas mehr als zwei Autostunden nördlich von Berlin und auf drei Seiten umringt vom Fluss Peene, liegt Demmin in den letzten Resten der Sommersonne. Eine alte Hansestadt mit rund 11.000 Einwohnern.

Die Straßen so gut wie menschenleer, eine Arbeitslosenquote von rund 15 Prozent, die Demminer Jugend zieht es weg von hier und über allem thront der 96 Meter hohe Turm der St. Bartholomaei Kirche.

 

Am Montag, den 30. April 1945, wurde im Kirchturm eine weiße Flagge gehisst. Am selben Morgen hatten die letzten deutschen Soldaten die Stadt verlassen, alle Brücken hinter sich gesprengt und damit die Bewohner zurückgelassen, die in ihrer eigenen Stadt gefangen waren. Nicht weit entfernt warteten bereits die sowjetischen Truppen ungeduldig. Demmin war die Verbindung in Richtung Westen, und die Sowjets wollten die Stadt so schnell wie möglich passieren, um die wichtige Hafenstadt Rostock einzunehmen. So marschierten die Soldaten in Demmin ein, blieben hier aber jäh stecken.

Unter den damals rund 15.000 Einwohnern Demmins und den circa 2.000 Flüchtlingen, die aus den ostdeutschen Provinzen in die Stadt strömten, breitete sich Panik aus.

 

"Seit Beginn des Krieges hatten die Nazis ihre Propaganda darüber, was passieren würde, wenn der Feind käme, verbreitet und sie in den düstersten Farben ausgemalt", so der deutsche Historiker Florian Huber.

 

Indoktriniert

Anfang des Jahres 2015 veröffentlichte er das Buch „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“  – über die Massenselbstmorde in Demmin.

 

VERBRANNTE STADT: Die sowjetischen Truppen brannten und verwüsteten die Stadt als sie in Demmin einmarschierten. Der Turm der Bartholomaei Kirche blieb jedoch unberührt. Foto: Demmin Archiv, Fuhrmann
VERBRANNTE STADT: Die sowjetischen Truppen brannten und verwüsteten die Stadt als sie in Demmin einmarschierten. Der Turm der Bartholomaei Kirche blieb jedoch unberührt. Foto: Demmin Archiv, Fuhrmann

 

"Sowjetische Soldaten wurden als eine Gruppe barbarischer Monster beschrieben, die alle Frauen vergewaltigten, Menschen die Zunge herausschnitten und Kindern die Augen ausstochen. Hinzu kamen die Geschichten der deutschen Flüchtlinge, die bereits Vergewaltigungen und Plünderungen erlebt hatten. Verzweiflung, Angst und Massenhysterie taten ihr Übriges, und brachten viele Deutsche dazu, sich das eigene und auch das Leben ihrer Kinder zu nehmen", sagt Huber.

Zudem waren viele von der NS-Propaganda so stark indoktriniert, dass sie sich ein Leben in einem besetzten Deutschland nicht hätten vorstellen können. Die Angst und das Gefühl, dass nichts mehr etwas bedeuten würde, waren vor allem im Osten Deutschlands ein Problem.

 

" Innerhalb von vier Tagen haben in Demmin zwischen 700 und 1.000 Menschen Selbstmord begangen, die Dunkelziffern können aber höher liegen", sagt Huber.

„Freitote, am Sinn des Lebens irre geworden.“ Hier ruhen im Massengrab und in Einzelgräbern ruhen Hunderte bekannte und unbekannter Opfer der Demminer Tragödie vom Mai 1945.“ Diese Worte sind auf einer goldenen Tafel in einer Ecke des Friedhofs geschrieben.

 

Der Wind weht in großen Bäumen, Regenwürmer haben zwischen Gras und Moos Visitenkarten hinterlassen und auf der Freifläche steht ein Obelisk zum Gedenken an die Opfer des Massengrabs.

 

"Wer waren sie, all diese Menschen und warum endeten sie hier?"


Ihre Körper lagen in mehreren Schichten

Die Journalistin und Schriftstellerin Trude Teige wischt Erde von einem Grabstein der die Namen einer Mutter, den Großeltern und von zwei Kindern trägt.

Sie wurden zehn und zwölf Jahre alt. Alle starben am 2. Mai 1945.

 

Teige hat gerade das Buch „Als Großmutter im Regen tanzte“ veröffentlicht, dessen Handlung auf der Tragödie Demmins basiert.